Geschätzte Mitglieder der Zürcher Kunstgesellschaft
Das Jahr 2025 war für das Kunsthaus Zürich ein Jahr der Verdichtung: mit ausgesprochen starken künstlerischen Positionen, der Publikumszuspruch weiterhin auf sehr hohem Niveau – und zugleich geprägt von der konsequenten Weiterentwicklung unseres Hauses in zentralen Zukunftsfragen. In einer Zeit, die von Unsicherheit, Polarisierung und einer zunehmenden Beschleunigung des öffentlichen Diskurses geprägt ist, wächst die Bedeutung von Institutionen, die Orientierung ermöglichen, ohne zu vereinfachen. Das Kunsthaus versteht sich als ein solcher Ort: als Raum der ästhetischen Erfahrung, der Begegnung und der Auseinandersetzung – offen, anspruchsvoll und verantwortungsbewusst.
Mit über 539 500 Besucherinnen und Besuchern – nach 2022 die zweithöchste Anzahl – bestätigte sich 2025 die aussergewöhnliche Resonanz auf unser Angebot; das Kunsthaus blieb damit das meistbesuchte Kunstmuseum der Schweiz. Diese Zahl ist nicht nur Ausdruck von Attraktivität, sondern auch Verpflichtung: Ein grosses Publikum erwartet Qualität, Vielfalt, Zugänglichkeit und eine Institution, die zuhört und sich weiterentwickelt.
Programmatisch war 2025 ein Jahr markanter Akzente. Die Ausstellung Marina Abramović erreichte nahezu 120 000 Besucherinnen und Besucher und wurde zur erfolgreichsten Ausstellung der letzten 12 Jahre. Reine Sammlungseintritte konnten wir 247 857 verzeichnen, auf die Sammlung Bührle entfielen hierbei rund 175 000 Besuche. Das Kunsthaus zählt zum heutigen Tag etwas unter 22 000 Mitglieder – ein nach wie vor eindrückliches Zeichen einer langfristigen und engen Verbundenheit der Menschen mit dem Kunsthaus. Wir sind und bleiben einer der grössten Kunstvereine Europas.
Auch räumlich hat sich das Kunsthaus 2025 als offener Ort in der Stadt weiter etabliert. Das frei zugängliche Foyer Haefner im Chipperfield-Bau hat sich als öffentlicher Raum bewährt, in dem Kunst, Alltag und Begegnung selbstverständlich ineinandergreifen. Jeffrey Gibsons Arbeit prägt diesen Bereich in einer Weise, die von vielen als einladend, zeitgenössisch und identitätsstiftend wahrgenommen wird. Im Garten der Kunst setzte Monster Chetwynds begehbare Skulptur einen starken Akzent im Aussenraum; seit der Eröffnung im Spätsommer wurde die Rutschbahn tausende Male genutzt. Solche Zahlen erzählen mehr als eine Anekdote: Sie zeigen, wie niederschwellig Kunst Teil eines städtischen Erlebnisses werden kann – für unterschiedliche Generationen und Zugänge.
Die inhaltliche Dichte des Jahres spiegelte sich in einer Reihe von Projekten, die bewusst Spannungen produktiv machten: zwischen Generationen, Medien, künstlerischen Haltungen und geografischen Perspektiven. Roman Signer führte exemplarisch vor Augen, wie zeitlos Neugier, Experiment und Humor sein können. Suzanne Duchamp wurde mit der ihr gebührenden Aufmerksamkeit als eigenständige Position der Moderne sichtbar. Lygia Clark machte Kunst zu einem körperlichen, sozialen und unmittelbaren Erlebnis. Die Reihe «ReCollect!», insbesondere in Kombination mit dem Werk von Wolfgang Laib, zeigte erneut, wie lebendig eine Sammlung wird, wenn sie aus gegenwärtigen Blickwinkeln befragt wird. Mit Refik Anadol haben wir einen Dialog über datenbasierte, technologische Bildwelten eröffnet, der zugleich sinnlich und existenziell ist.
Ein wichtiges Signal für die Zukunft war 2025 auch auf der Ebene der Förderung zu verzeichnen: Mit der Gründung einer neuen Förderstiftung durch Marianne und Martin Haefner zur Unterstützung bedeutender Ausstellungen erhielt das Kunsthaus einen Impuls, der die programmatische Ambition stärkt. Das Fundraising des Kunsthauses war in diesem Jahr besonders erfolgreich – die Zuwendungen haben sich um etwa CHF 1 Mio. auf CHF 4.853 Mio. im Vergleich zu 2024 deutlich erhöht. Dieses Engagement ist Ausdruck von Vertrauen – und ein Modell, das die tragende Rolle privater Förderung im Zusammenspiel mit öffentlicher Verantwortung unterstreicht.
Das Jahr 2025 stand zugleich im Zeichen der Verantwortung. Der Umgang mit komplexen historischen Fragen – insbesondere rund um die Sammlung Bührle – verlangt Sorgfalt, Energie, nach wie vor grossen Einsatz, Transparenz und die Bereitschaft, Standards weiterzuentwickeln und nachvollziehbar zu kommunizieren. Dazu gehören Provenienzforschung, kunsthistorische und historische Informationen und eine Vermittlung, die nicht beschwichtigt, sondern erklärt und zur Interaktion einlädt.
Wir haben mit der Stiftung Sammlung E. G. Bührle intensive Gespräche geführt und gemeinsame Leitlinien verabschiedet, die es uns weiterhin ermöglichen, unsere Verantwortung wahrzunehmen. Wir werden diese wunderbare Sammlung mit der gleichen Intensität und nach den gleichen Standards hinsichtlich ihrer Vergangenheit erforschen, wie wir dies auch in unserem eigenen Werksbestand gemäss unserer verabschiedeten Provenienzstrategie tun. Für die Aktivierung der erforderlichen Mittel haben sich die Stadtpräsidentin und ich zusammen mit dem gesamten Vorstand mit aller Kraft eingesetzt. Der Gemeinderat hat im Februar 2026 mit der Bewilligung der von uns beantragten CHF 3 Mio. nun die Grundlage geschaffen, diese Aufgabe über die nächsten fünf Jahre anzugehen. Diese Mittel ermöglichen uns sowohl die Forschung als auch neue Ausstellungsformen in den Jahren 2027–2028.
Eine vom Vorstand eingesetzte unabhängige Expertenkommission wird uns hierbei als wissenschaftlicher Beirat für die Provenienzforschung in fachlich-ethischen Fragen beraten und die Forschungsergebnisse unabhängig bewerten. Darüber hinaus ermöglicht uns die wissenschaftliche Kooperation mit der Universität Zürich eine fundierte Grundlagenforschung. Wir sind der Stadt Zürich für die Unterstützung und der Stiftung Sammlung E. G. Bührle für die konstruktive Zusammenarbeit dankbar und starten im Frühjahr 2026 mit dem intensiven Prozess der Forschung und den Ausstellungsvorbereitungen.
Eine vertiefte Publikumsbefragung bestätigte, wie sehr der Aufenthalt im Kunsthaus geschätzt wird – als ästhetische Erfahrung und als Ort des Wissens. Über unsere Schulaktivitäten haben wir 2025 nahezu 15 000 junge Menschen mit Workshops und Führungen erreicht.
Auch in praktischen Fragen haben wir auf Rückmeldungen reagiert: Die Entscheidung, wieder Bargeld zu akzeptieren, war ein bewusstes Signal für Zugänglichkeit und Besucherorientierung. Es läuft zwar gegen die Idee unserer Effizienzbemühungen, wir nehmen unser Publikum aber ernst und stellen es in den Fokus.
Das Kunsthaus hat per 1. Januar im Rahmen einer Organisationsentwicklung seine Organisation optimiert: mit neuen Strukturen, klarer definierten Verantwortlichkeiten und einer Verstärkung des Teams. Der Prozess war intensiv und ist noch nicht abgeschlossen, schafft jedoch bereits jetzt eine solide Grundlage für die Zukunft.
Im Vorstand der Zürcher Kunstgesellschaft ergaben sich 2025 folgende Veränderungen. Wir haben mit grossem Dank Hedy Graber als Vertreterin des Regierungsrates verabschiedet und in dieser Funktion ihre Nachfolgerin, Frau Sibylle Lichtensteiger, herzlich begrüssen dürfen. Ebenso gilt unser herzlichster Dank für eine intensive Zusammenarbeit Frau Murielle Perritaz, die die Kulturdirektion der Stadt Zürich verlassen hat. Wir freuen uns, ihre Nachfolgerin Frau Kathrin Frey als neue Co-Kulturdirektorin in unserem Vorstand willkommen heissen zu können.
Das Kunsthaus Zürich musste 2025 Abschied nehmen von seinem lieben Freund und engagierten Förderer Dipl. Ing. Ferdinand J. Knecht. Der Verstorbene war ein bedeutender Sammler niederländischer Malerei des 17. Jahrhunderts. Im Jahr 2016 durfte das Kunsthaus seine exquisite Sammlung von über 50 Werken als Dauerleihgabe willkommen heissen.
Mit Blick nach vorn wird 2026 ein entscheidendes Jahr: Für das Kunsthaus wird es darum gehen, das erreichte Niveau langfristig zu sichern und weiterzuentwickeln. Um diese Herausforderung erfolgreich zu meistern, wird es unabdingbar sein, die städtische Abstimmung zur zukünftigen Finanzierung des Kunsthauses zu gewinnen. Letztlich geht es dabei darum, die mit dem Neubau verbundenen deutlich höheren Betriebskosten abzudecken – sowohl durch eine stärkere private Unterstützung als auch durch Beiträge der öffentlichen Hand. Es geht dabei nicht nur um finanzielle Mittel, sondern um ein kulturelles Bekenntnis: zur Rolle der Kunst in Zürich, zu Bildung, Offenheit und zu einer Institution, die fest im öffentlichen Leben verankert ist. Gemeinsam mit dem gesamten Vorstand der Zürcher Kunstgesellschaft und der Geschäftsleitung des Kunsthauses werde ich mich – im Vertrauen auf unsere starke Mitgliederbasis – engagiert und mit voller Kraft für diese Abstimmung einsetzen. Ich hoffe sehr, dass wir auch auf Sie, liebe Mitglieder, zählen können, das Kunsthaus bei dieser zentralen städtischen Abstimmung zu unterstützen.
Mein Dank gilt allen, die das Kunsthaus Zürich tragen und ermöglichen: den Mitarbeitenden, den Mitgliedern der Zürcher Kunstgesellschaft, den privaten Förderinnen und Förderern, den privaten Stiftungen, unseren Corporate-Partnern sowie der öffentlichen Hand. Im Zusammenspiel dieser Kräfte liegt die besondere Stärke des Kunsthauses – und die Grundlage dafür, dass es auch in Zukunft ein Ort bleibt, an dem Kunst, Stadt und Gesellschaft miteinander in Beziehung treten können.