Alreadymade II, 2024

Barbara Visser
Alreadymade II, 2024

«Fountain», ein mit «R. MUTT» signiertes Urinal, ist eines der einflussreichsten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts. 1917 wurde das Alltagsobjekt, das durch die Signatur zum Kunstwerk, zu einem sogenannten «Ready-made», erklärt wurde, anonym zur Ausstellung der «Society of Independent Artists» in New York eingesandt. Aufgrund der durch diese Aktion provokanten Hinterfragung des Kunstbegriffs wurde es jedoch nicht ausgestellt. Seit jenem Jahr gilt das Original, von dem nur eine fotografische Aufnahme erhalten ist, als verschollen. Fast zwei Jahrzehnte später erklärte Marcel Duchamp (1887–1968) «Fountain» zu seinem Werk.

In ihrem Einkanal-Video «Alreadymade II» (2024) geht die niederländische Künstlerin und Filmemacherin Barbara Visser (*1966 Haarlem) Spekulationen nach, die die Autorschaft Duchamps infrage stellen. Sie greift die Theorie auf, die vorbringt, dass die Dadaistin und radikale Dichterin Elsa von Freytag-Loringhoven (1874 –1927) die Schöpferin von «Fountain» war. Ohne die Autorschaftsfrage abschliessend zu beantworten, offenbart Visser eine Spurensuche nach der lange vergessenen «Dada-Baroness». Dabei wirft sie grundlegende Fragen auf: Was zählt als Kunstwerk? Was macht ein Original aus? Wie wichtig ist der Autor oder die Autorin? Und warum werden häufig die Frauen nicht erinnert? Von Freytag selbst schrieb: «Ich bin nicht  bekannt genug  geworden, und so werde ich vergessen.»

Vissers «Alreadymade II» basiert auf ihrem 2023 veröffentlichten Dokumentarfilm «Alreadymade» (Tomtit Film/VPRO), dessen lineare Narration sie in fünf parallel ablaufende Erzählstränge aufsplittet. In einer Endlosschleife sehen wir Vielfalt, Gleichzeitigkeit und Wiederholung historischer und zeitgenössischer bewegter Bilder. Gemeinsam ergeben sie eine Choreografie im Geiste des Dadaismus. Dabei zeigt Visser eindrucksvoll, wie die Gegenwart und die Vergangenheit in mehrfacher Hinsicht miteinander verwoben sind. Spekulation, Projektion und Interpretation sind ebenso Teil des Werks wie auch die Position der erzählenden Person. Vissers Projekte erforschen, wie Geschichte und Erinnerung durch das Wissen Einzelner sowie durch die sich stetig verändernden Normen der Gesellschaft geprägt sind. Dass in der Forschung um die «Baroness» noch nicht alles erzählt ist, zeigt Visser, indem sie in ihrem Werk mit den Auszügen aus David Wark Griffiths (1875 –1948) Stummfilm «A Philistine in Bohemia» (1920) die ersten überhaupt bekannten Bewegtbilder von Freytags präsentiert. Damit trägt sie dazu bei, dass eine von vielen Frauen der Dada-Bewegung ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Es bleibt zu hoffen, dass von Freytag durch Forschungsbeiträge und künstlerische Auseinandersetzungen wie diejenige Vissers nun «bekannt genug» ist, um nicht mehr, wie von der Dadaistin selbst prognostiziert, «vergessen» zu werden.

Simone Gehr, Wissenschaftliche Mitarbeiterin

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