Peter Ilsted
UNG PIGE, DER SYER (JUNGES MÄDCHEN, DAS NÄHT), 1910
So sehr es vielleicht auch danach aussehen mag: Beim vorliegenden Werk handelt es sich um keine piktorialistische Fotografie in der Manier eines Heinrich Kühn. Vielmehr beruht das Blatt auf einem druckgrafischen Verfahren, das bereits im17. Jahrhundert entwickelt wurde. Der Effekt des traumhaft Verschwommenen wird hier freilich bewusst angestrebt. Peter Ilsted (1861 Sakskøbing – 1933 Kopenhagen), der Urheber der Grafik, gilt als grosser Neuerer jener im Jahr 1642 erstmals eingesetzten Schabtechnik, die auch unter dem Begriff des Mezzotinto bekannt ist.1
Bei der Technik wird eine Druckplatte zuerst gleichmässig aufgeraut. Würde man sie daraufhin einfärben und abdrucken, so erhielte man zunächst nur eine einheitlich dunkle Fläche auf Papier. Um die Lichter des gewünschten Motivs aus diesem Dunkel herauszuheben, muss die Platte an den entsprechenden Stellen wieder geglättet werden. Dafür verwendet man ein Schabeisen oder einen Polierstab, mit dem die einzelnen Partien je nach gewünschter Helligkeit graduell geebnet werden. Charakteristisch für das Verfahren ist, dass es tonale Bereiche erzeugt und weniger mit harten Konturlinien arbeitet.
Ilsted druckte seine Mezzotinto-Werke häufig farbig im sogenannten «à la poupée»-Verfahren. Dabei werden verschiedene Bereiche der Druckplatte manuell mit einem Tuch eingefärbt, um mehrere Farben zu verwenden. Dieses Verfahren ist sehr aufwendig, da ein Vermischen der Farben vermieden werden muss. Zudem ist der Vorgang für jeden Druckvorgang notwendig zu wiederholen. Der Effekt aber ist von betörender Wirkung: Ilsteds Grafiken wirken extrem malerisch und sind stets bildmässig abgeschlossen.2 Ungewöhnlich ist beim vorliegenden Blatt allein der enge Bildausschnitt, da der Künstler normalerweise weitläufigere Innenräume darstellte.
Ilsteds Vorliebe für Interieurs kam nicht von ungefähr: Im Jahr 1891 heiratete seine Schwester Ida den Maler Vilhelm Hammershøi, dessen Œuvre von Innenräumen in monochromen Farbtönen bestimmt ist und auf Ilsteds Arbeiten starken Einfluss ausübte. Heute ist Hammershøi deutlich bekannter als Ilsted, auch wenn die Werke beider Künstler zuweilen durchaus ähnlich sind.
2026 richten Jonas Beyer und Sandra Gianfreda die Zürcher Ausstellung «Vilhelm Hammershøi. Maler des stillen Klangs» aus.3 Der Ankauf und die Vorstellung dieser stimmungsvollen und ausgesprochen intimen Arbeit von Ilsted versteht sich als kleiner Vorgeschmack auf die Hammershøi-Präsentation im Kunsthaus, bei der es sich um die erste Museumsausstellung dieses bedeutenden dänischen Künstlers im Schweizer Raum handelt.
1Zur Technik des Mezzotinto vgl. bes. Carol Wax, The Mezzotint. History and Technique, New York 1990.
2Für Ilsteds Drucke vgl. Fortegnelse over Peter Ilsteds grafiske arbejder, Kopenhagen 1924.
3Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit dem Museo National Thyssen-Bornemisza in Madrid.