Izidora I LETHE
RE_APPEAR. Aus der Serie «APROPOSITIONS (     », 2024
Izidora I LETHEs (*1987 Split, lebt in Zürich) Werk «APROPOSITIONS (     » besteht aus drei Teilen: einer Zeichnungsserie, einer Performance und einer inszenierten Videoarbeit. Die Zeichnungen stellen die Recherche LETHEs als eine Art verkörpertes Denken zu Begriffen wie RE_APPEAR oder DIS_RELATE dar. Sie sind konzipiert als Parameter für die Bewegungen der Performenden, die diese als Impulse ihres eigenen Körperwissens interpretieren sollen. In LETHEs Praxis geht es um das unterschätzte Wissen, welches im Körper gespeichert wird, in der Fachsprache spricht man von «embodied knowledge». Für die von Sandra Gianfreda und Cathérine Hug mit den Kunstschaffenden Sabian Baumann, Ishita Chakraborty und RELAX (chiarenza, hauser & co) co-kuratierte Ausstellung «Apropos Hodler. Aktuelle Blicke auf eine Ikone» (Kunsthaus Zürich, 8.3.–30.6.2024) hat LETHE den Werkkomplex «APROPOSITIONS (     » realisiert, der aus Körpern, Gesten und Landschaftsbildern des Schweizer Malerschwergewichts und Ikone Ferdinand Hodler Inspiration schöpfte. Ein konkreter Ausgangspunkt war u. a. «Blick ins Unendliche» von 1916, permanent im Kunsthaus Zürich im Treppenhaus des Moser-Baus installiert. LETHEs Werk «APROPOSITIONS (     » erweitert und «aktualisiert» die (hermetische) Landschaft transhistorisch, transgeografisch und sich kontinuierlich transformierend.
LETHEs Arbeit nimmt direkten Bezug auf einen Künstler, der quantitativ und qualitativ ein Schwerpunkt in der Sammlung des Kunsthaus Zürich darstellt: den bereits genannten Ferdinand Hodler. Dass sich junge Kunstschaffende wie Izidora I LETHE für den Schweizer Künstler interessieren, ist keine Selbstverständlichkeit. Dadurch, dass sie mit ganz anderen Erfahrungen und Erwartungen an Hodlers Werk herangehen als die typischen Hodler-Fans, ermöglichen sie den Museumsbesuchenden andere Blicke auf ein in der Regel rein historisch gelesenes Œuvre. LETHEs Videoarbeit «APROPOSITIONS (     » und die drei dazugehörigen Zeichnungen stellen einen neuen Ansatz im Umgang mit Hodlers Darstellungen von Körpern in der Natur und dem Körperverständnis im sozialen Kontext dar. Izidora I LETHE ist bislang mit einer skulpturalen Arbeit in der Kunstsammlung der Stadt Zürich vertreten und seit 2024 mit einem Monoprint (Edition VFO) in der Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek. LETHEs Werk war jedoch bis zu diesem Ankauf bislang in keiner öffentlich-musealen Institution vertreten.
Angesichts ihrer Bedeutung hat auch die Debatte rund um Geschlechtsidentitäten, dem anderen grossen Thema in LETHEs Œuvre, Einzug in unseren Alltag gefunden. Aber gerade in der Kunstwelt wird sie vermutlich am konsequentesten geführt, da sie hier am meisten Gehör beziehungsweise am wenigsten Repressalien erfährt. Schlüsselfigur in dieser Entwicklung ist der Philosoph Paul B. Preciado (*1970), dessen einflussreiches und preisgekröntes Buch «Testo Junkie» (2016 auf Deutsch, erstmals 2008) die eigene Transformation enttabuisierte und mit Mandaten bei der «documenta 14» (2017) und am Centre Pompidou eine breitenwirksame Öffentlichkeit erreichte. Damit wurde ein zivilisatorischer Meilenstein gesellschaftlicher Toleranz erreicht. Allerdings soll an dieser Stelle auch daran erinnert werden, dass es sich dabei um eine seit Längerem stattfindende Kunstproduktion rund um die Thematik der Gender-Fluidity handelt, wie die Auseinandersetzungen mit Crossdressing und Weiblichkeitsstereotypen in den 1970er-Jahren zeigen.1 Körperlichkeit ist auch Demarkation und Inanspruchnahme von Territorium und damit von Macht. Wenn LETHEs Performende vor Hodlers «Blick ins Unendliche» agieren, kann das als solche Geste verstanden werden, zumal zwei Welten mit unterschiedlichen Wertesystemen – der heteronormativen und der post-binären – aufeinandertreffen und in einem Augenblick der Transzendenz verschmelzen. Werden Grenzen also aufgelöst, kann das bekanntlich als Bedrohung empfunden werden, oder aber es wachsen neue Sachen zusammen: «Weder sehen noch verstehen wir die Welt, wir nehmen sie wahr durch das Zerreissen der engen Kategorien, die uns bewohnen», beschrieb Preciado dies einprägsam in seiner jüngsten Gesellschaftsanalyse.2 Mit dem Eingang dieser eigens für das Kunsthaus Zürich entstandenen Werkgruppe wird die Mediensammlung dieser Institution um eine zarte, subtile, aber von ihren inhaltlichen Themen her brisante Arbeit reicher, die angesichts der Entwicklungen in der politischen Grosswetterlage (Stichwort weltweiter Rollback) aktueller und universeller nicht sein könnte.
1Wegweisende Ausstellung war «Transformer. Aspekte der Travestie», der Katalog dazu: Jean-Christophe Ammann (Hrsg.), Transformer. Aspekte der Travestie, Ausst.-Kat. Kunstmuseum Luzern / Neue Galerie Am Landesmuseum Joanneum, Graz / Museum Bochum, Luzern 1974.
2Frei übersetzt nach: Paul B. Preciado, Dysphoria mundi, Paris 2023, S. 17: «Nous ne voyons ni ne comprenons le monde, nous le percevons en le déchirant à travers les catégories étroites qui nous habitent».