Sammlung

Rein zahlenmässig war das Berichtsjahr in Sachen Neuzugänge für die Sammlung (Gemälde, Skulpturen, Installationen) nicht sonderlich ereignisreich: Nur knapp ein Dutzend Werke konnten neu aufgenommen werden. Die meisten davon werden im Bildteil dieses Berichts reproduziert, mehrere dort auch näher beschrieben. Von der Qualität der Werke her war es aber ein sehr interessantes Jahr.

Schenkungen

Erwähnt seien hier zunächst zwei Werke bzw. Werkgruppen von Künstlerinnen: Zu verdanken ist die Schenkung von fünf zusammengehörenden Stickereien der israelischen Künstlerin Ella Littwitz der Dr. Georg und Josi Guggenheim-Stiftung. Diese Schenkung ist, wie Mirjam Varadinis im Bildteil ausführt, im Kontext einer Neuausrichtung des Guggenheim-Preises zu sehen. Besonders erwähnenswert ist sodann die von der «Gruppe Junge Kunst» der Zürcher Kunstfreunde erworbene Installation der 1990 geborenen schwarzen südafrikanischen Künstlerin Lungiswa Gqunta. Mit dem Erwerb dieses Werks wird die massvolle, aber bedeutungsvolle Ausweitung der Sammlungstätigkeit auf Kunst von ausserhalb des europäischen und amerikanischen «Westens» (bzw. «Nordens») weiter vorangetrieben. Der titelgebende Rasen («lawn») von Gquntas Arbeit besteht aus abgebrochenen Flaschen (signifikanterweise solche von Coca-Cola), die auf einer Holzplatte montiert sind. In Gquntas südafrikanischer Heimat gehören Rasenflächen in erster Linie zur Lebenswelt wohlhabender, auch heute noch mehrheitlich weisser Personen. Mit zerbrochenem Glas werden Mauern belegt, die Grundstücke und Einrichtungen vor Eindringlingen schützen sollen. Und schliesslich werden – am anderen Ende der sozialen Skala – Flaschen bei Unruhen zu Petroleum-Bomben umfunktioniert. Darauf spielt in Gquntas Arbeit die in den Flaschen befindliche Flüssigkeit an, die im Sinne auch des «Lawns» zusätzlich grün gefärbt ist. Dieser explosive Rasen wird schwerlich mittels eines Liegestuhls geniesserisch in Besitz zu nehmen sein. Dieses Werk besteht aus schlichten Materialien und einer einfachen Struktur – ist aber dennoch durchaus komplex. Mit den wirkungsvollen Stilmitteln der aus dem «Westen» übernommenen Kunstform der Installation werden mittels ein paar Scherben und eines Bretts Themen, die in Südafrika relevant sind – Ungleichheit, Ausgrenzung und Widerstand, letztlich auch das Erbe des Kolonialismus als solcher und die mit ihm einhergehende Ausbeutung –, ins Spiel gebracht. Wie relevant aber ist ein solches Werk für uns in Zürich und der reichen Schweiz, einem Land, das ja selber nicht als direkte Kolonialmacht in Erscheinung getreten ist? Finden sich etwa auch in Zürich, in der Schweiz private Rasenflächen, die mit Glasscherben vor unliebsamen Gästen geschützt werden? Gibt es auch bei uns von einer ruchlosen Oberschicht in Kauf genommene Ghettos, aus denen heraus bei Unruhen mit Petroleum gefüllte Flaschen mitgeführt werden? Taugt das Werk somit auch bei uns gar als Identifikationsstück für eine regional relevante «Community» von Verfolgten und Unterprivilegierten? Glücklicherweise wohl kaum. Dennoch aber sind Werke wie dieses für das Kunsthaus und sein Publikum von Interesse. Denn nicht zuletzt aufgrund von wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen verschiedener Couleur – Südafrika ist dafür ein gutes Beispiel – haben derartige Themen aus anderen Weltgegenden oft mehr mit uns hier in der Schweiz zu tun, als uns lieb sein kann. Aber auch rein künstlerisch gesehen bereichert der Eingang solcher Werke unsere Sammlung. Zum einen wegen deren immanenten Qualitäten. Zum anderen können sie auch Anlass bieten, traditionsreiche Bestände unserer Sammlung für einmal neu zu betrachten: Denken wir etwa an unseren bedeutenden Sammlungsbestand an prächtigen Seestücken und Stillleben voller exotischer Preziosen von holländischen Künstlern des 17. Jahrhunderts. Diese Bilder sind von hoher künstlerischer Qualität, und es bereitet Freude, sie in ihrer stilistischen Eigenart zu studieren. Zugleich aber sind nicht wenige der in ihnen präsenten Bildmotive untrennbar verknüpft mit der Geschichte der damals wichtigen Kolonialmacht Holland, die notabene auch beispielhaft für die bedeutende Rolle steht, die Europa im transatlantischen Sklavenhandel gespielt hat. Auch die erwähnten wunderschönen Gemälde entstanden also so gesehen vor einer Folie, die Entrechtung und Verfolgung einschloss. Von da aus ist es nicht mehr weit zur Spiegelung postkolonialer Missstände, wie Gquntas Werk sie beinhaltet. Solche Arbeiten können uns somit helfen, historisch relevante Schichten in Werken unserer Sammlung neu in unsere Betrachtungen miteinzubeziehen. Dies bereichert unseren Blick.

KÜNSTLERINNEN IN DER SAMMLUNG

Bleiben wir beim riesengrossen Thema «Künstlerinnen». In der Sammlung des Kunsthauses gibt es bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ein eklatantes Missverhältnis zwischen der zahlenmässig massiv dominierenden Kunst von Künstlern und derjenigen, die von Künstlerinnen stammt (um uns hier auf diese beiden Kategorien zu beschränken). Dies hat mit der Geschichte der Kunst selber zu tun, im Rahmen derer erst ab Ende des 19. Jahrhunderts Frauen überhaupt so langsam die Gelegenheit erhielten, sich zu Künstlerinnen ausbilden zu lassen. In der Schweiz geschah das wie üblich nochmals deutlich später. Die Kunsthaus-Sammlung bildet hier also einen allgemeinen Missstand ab. Immerhin nimmt die Präsenz von Werken von Frauen mit fortschreitender Dauer des 20. Jahrhunderts zu, erst ab den 1960er-/1970er-Jahren aber ändert sich das Verhältnis signifikant. Dies hat nicht zuletzt mit dem Aufkommen der Video-, Installations- und Performance-Kunst zu tun, bei denen Künstlerinnen bis heute mit tonangebend sind. Hier sind Künstlerinnen in der Sammlung nun breit vertreten, in manchen Jahren wurden und werden mehr Werke von Künstlerinnen als von Künstlern erworben. Was nun die Präsenz der Werke von Künstlerinnen in den Räumen der Sammlung angeht, so sind Frauen bis heute krass untervertreten. Mehr als punktuell ändern können wird sich dies erst ab Eröffnung des Erweiterungsbaus. Denn erst dann können wir endlich der neuesten und Gegenwartskunst genug Platz einräumen, im Rahmen derer Künstlerinnen stark präsent sind. Das Kunsthaus wird dann ein neues Gesicht zeigen können, eines, das nicht mehr nur von den «Dead White Males» dominiert wird. Wobei dies ein komplexes Gelände ist. Die grosse Meret Oppenheim etwa sagte, es gebe keine «weibliche» Kunst: der Geist sei androgyn. – Dieser androgyne Geist aber, er soll, er muss, er wird im erweiterten Kunsthaus mehr Entfaltungsmöglichkeit erhalten. Und dies wird es mit sich bringen, dass Frauen, die Kunst gemacht haben und machen, in den Sammlungsräumen des Kunsthauses endlich markant stärker vertreten sein werden. Eine (jüngst partiell geforderte) Quote von 50 Prozent Kunst von Frauen aber wird es im Kunsthaus nicht geben können, solange wir – wie ich finde, zu Recht – unsere Aufgabe darin sehen, nicht nur unsere Sammlung zu zeigen, sondern auch die historische Realität der in ihr gespiegelten Geschichte der Sammlungstätigkeit der Kunstgesellschaft erfahrbar zu machen. Dies aber heisst, auch die starken gendermässigen Asymmetrien auszuhalten, die erst ab der Ära Felix Baumanns und v. a. der aktuellen von Christoph Becker intensiv korrigiert zu werden begannen.

ENTDECKUNGEN

Was Kunst von (und für?) Frauen angeht, sei hier abschliessend noch auf ein besonders bedeutendes Werkgeschenk zweier grosser Freunde und Förderer des Kunsthauses, Thomas und Cristina Bechtler, hingewiesen. Zur Erinnerung an ihre im Dezember 2014 bei einem Unfall tragisch ums Leben gekommene Tochter Johanna haben sie dem Kunsthaus eine eindrucksvolle, lichte Skulptur der amerikanischen Malerin, Bildhauerin und Filmerin Sarah Morris geschenkt. Sie ist im Bildteil abgebildet.

Ebenfalls zu entdecken ist dort eine weitere, durch Frau Verena Heberlein-Stahel erfolgte Schenkung. Es handelt sich – um hier nun doch noch zu den Künstlern zu wechseln – um ein schönes Porträt Ernst Würtenbergers von um 1915. Es zeigt Dr. med. Gustav Adolf Steiger, der 1909 in den Vorstand der Zürcher Kunstgesellschaft gewählt worden war, wo er bis 1920 als Präsident der Sammlungskommission amtete. Von Beruf Augenarzt, lebte er in gewisser Weise die Maxime Wilhelm Leibls, «Gut sehen ist alles!», auf zweierlei Weise.

Nicht unerwähnt bleiben soll hier die schöne, kleine Landschaft, die mit Hilfe der Dr. Joseph Scholz Stiftung erworben werden konnte und Tizian zugeschrieben worden ist. Dieser Ankauf hat in der Zürcher Presse ein grosses Echo hervorgerufen, das wir uns etwas sachlicher gewünscht hätten. Eine Beschreibung des Werks findet sich im Bildteil, im Sommer wird es auf der Grundlage neuer Forschungen im Rahmen einer Ausstellung zur Landschaftsmalerei im Kunsthaus präsentiert.

WERKPRÄSENTATIONEN

Im Berichtsjahr hat die Sammlung eine Reihe von thematischen Werkpräsentationen veranstaltet. Zu erwähnen ist diejenige zu den «Beunruhigenden Musen», die eine uns längerfristig geliehene, bedeutende private Werkgruppe der Pittura Metafisica mit Werken Böcklins und Dalís kombinierte und zusätzlich skulpturale Frauenfiguren von Vincenzo Vela bis Rebecca Warren einbezog.

Über zwei weitere dieser Projekte berichtet die hier kuratorisch federführende Kollegin der Grafischen Sammlung, Mirjam Varadinis, wie folgt:

«Es gibt Bereiche der Sammlung, die nur selten gezeigt werden – sei es aufgrund ihrer schieren Dimensionen oder technischer Fragilität. Dazu gehören grossformatige Installationen und die Sammlung von Videokunst. Es ist daher besonders erfreulich, dass im Berichtsjahr gleich beide dieser leider zu wenig präsenten Werkgruppen in speziellen Sammlungspräsentationen gezeigt werden konnten. Beide Projekte sind in enger Zusammenarbeit mit den Kolleginnen der Restaurierung entstanden.

Im Frühjahr fand der letzte Teil von «Installationen I, II, III» statt. Dieses Projekt hatte zum Ziel, die eigene Sammlung im Hinblick auf die Neupräsentation im Erweiterungsbau besser kennen zu lernen. Das Kunsthaus verfügt über bedeutende Werke der Installationskunst. Aufgrund der engen Platzverhältnisse im Museum sind allerdings viele dieser Arbeiten noch nie oder schon lange nicht mehr gezeigt worden. Um zu prüfen, welche Installationen sich für die Neupräsentation im Erweiterungsbau eignen, haben wir insgesamt 14 Werke aus dem Depot hervorgeholt, sie zuerst restauratorisch geprüft und bearbeitet und zum Schluss im leer geräumten Baselitzsaal gezeigt. Wir haben dabei einige Schätze neu bzw. wiederentdeckt, die sicher auch in die Neubespielung des Alt- und Neubaus einfliessen werden.

Die Präsentation zum Thema «Videokunst gestern, heute und morgen» fand anlässlich des Welttages des audiovisuellen Erbes im Oktober 2019 statt. Stefanie Wenzler, die seit rund zwei Jahren die Videosammlung von kunstwissenschaftlicher Seite betreut, hatte die Idee dazu und wurde bei der Umsetzung von Kerstin Mürer (Leiterin Restaurierung), Eléonore Bernard (Mitarbeiterin Restaurierung) sowie Agathe Jarczyk (externe Videorestauratorin) tatkräftig unterstützt. Herausgekommen ist ein kleines, aber feines Projekt, das Einblick gab in das seit mehreren Jahren laufende Projekt der Videorestaurierung und -digitalisierung und die komplexen Fragen rund um das Thema Langzeitarchivierung von Medienkunst.»

Abschliessend noch die Ausleihstatistik: Im Berichtsjahr gingen 81 Gemälde und Skulpturen an 46 Museen. Die Alberto Giacometti-Stiftung hat 11 Werke an 5 Ausstellungen geliehen.

Philippe Büttner

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